K.s Manifest: Die Juden und Europa, gestern, heute – und morgen?
Vor fünf Jahren hat K. einen Raum für die Auseinandersetzung und Debatte geschaffen, der sich auf die Lage der europäischen Jüdinnen und Juden konzentriert und diese als Ausgangspunkt für das Nachdenken über die Situation Europas nutzt. Grundlage dafür ist die Diagnose einer doppelten Krise, die sich einerseits im Antisemitismus und in der Besorgnis über eine Gefährdung der fortdauernden Existenz von Jüdinnen und Juden in Europa und andererseits in der Schwierigkeit Europas, seinen politischen Horizont zu definieren, ausdrückt. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die beiden Krisen – ohne sie miteinander zu verschmelzen – miteinander verbunden sind und gemeinsam angegangen werden müssen. Dieser Text ist eine erweiterte Fassung des in der französischen und englischen Erstausgabe von K. veröffentlichten Manifests der Redaktion.
Jüdische Moderne
Das lange 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Emanzipation der Jüdinnen und Juden in Europa. Die Bewegung hatte mehrere Zentren und breitete sich in alle Richtungen aus. Von der französischen Aufklärung über die deutsche Variante der Aufklärung, bis hin zur Haskala – der jüdischen Aufklärung, die in Deutschland ihren Anfang nahm und sich nach Osten ausbreitete – begannen sich die Beschränkungen zu lockern und fielen schließlich ganz. So riss Europas Eintritt in die Epoche der Moderne die Jüdinnen und Juden mit sich. Dieser Prozess führte schließlich zu ihrer Integration in die sich bildenden modernen Staaten, zunächst in Westeuropa, dann in Mitteleuropa. Den Anstoß gab die Französische Revolution, die abrupt zur Emanzipation der Jüdinnen und Juden führte, bevor sich die Emanzipation in den Niederlanden, Großbritannien und dann nach und nach auch in Italien, den deutschsprachigen Ländern, der österreichisch-ungarischen Monarchie und dem sich vereinigenden Deutschland durchsetzte. Weiter östlich, in dem großen Gebiet von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, das vom Zarenreich beherrscht wurde und wo die jüdische Bevölkerung am zahlreichsten und am dichtesten war (Polen, Baltikum, Ukraine, Weißrussland, Rumänien), war der Weg erheblich schwieriger. Er verlief viel gewundener, mit abwechselnd zaghaften Anfängen und brutalen Rückschlägen, bis die Oktoberrevolution die Lage veränderte.
Über einen längeren Zeitraum hinweg, der für sie mit der Entwicklung der Moderne zusammenfiel, war die Lage der Jüdinnen und Juden in Europa daher sehr unterschiedlich. Sie war es in dem Maße, wie der Kontinent gespalten war, auf dem konstitutionelle Monarchien, Republiken und Imperien nebeneinander existierten, die sich entweder im Reformprozess befanden oder hartnäckig in einem halbfeudalen Stadium verharrten. In diesem vielfältigen Umfeld kristallisierten sich mehrere Gruppen heraus. Auf der einen Seite standen eingebürgerte Jüdinnen und Juden, also „jüdische Individuen”, die in ihren Staaten integriert waren und über die gleichen zivilen, politischen und sozialen Rechte wie andere Bürger verfügten. Am anderen Ende des Spektrums standen Jüdinnen und Juden, die noch immer in traditionellen Gemeinschaften lebten, welche sich im Mittelalter gebildet und deren Strukturen, wenn auch geschwächt, weiterhin Bestand hatten. Diese Jüdinnen und Juden galten kollektiv als Untertanen des Herrschers, abhängig von vorübergehend gewährten Privilegien und jederzeit widerrufbarem Schutz, was sie der Gefahr von Zwangsumsiedlung und Verfolgung aussetzte.
Schließlich tauchte eine Reihe von Jüdinnen und Juden auf, die weder das eine noch das andere waren: Sie waren Revolutionäre, wobei die Revolution in ihrem Fall verschiedene Formen annahm. Sie orientierten sich entweder an einer jüdisch-nationalen Revolution im europäischen Rahmen oder an einer Weltrevolution, an der sie beteiligt sein wollten – wobei die Polarität eine ganze Reihe von Zwischenformen und Kombinationen zuließ. Innerhalb dieses Dreiecks variierten die Profile je nach Tätigkeitsbereich, der durch die zunehmende soziale Mobilität erheblich erweitert worden war. Gebildete moderne Jüdinnen und Juden lebten Seite an Seite mit traditionellen Jüdinnen und Juden, die sich dem Studium widmeten. Arbeiter, Bauern und Unternehmer aus Wissenschaft, Kunst, Industrie und Finanzwesen bildeten diese große Gruppe, deren Konturen immer schwieriger zu umreißen wurden. All diese Figuren existierten nebeneinander, veränderten sich, durchdrangen und beeinflussten sich gegenseitig, trennten sich manchmal oder standen sich scharf gegenüber. Assimilationstendenzen und Konversionen wechselten sich ab mit Rückbesinnungen und Neuanpassungen, die ebenfalls sehr unterschiedliche Formen annahmen. In jeder Hinsicht trug die jüdische Welt dazu bei, Europa in Bewegung zu halten.
Drei Zäsuren
Im 20. Jahrhundert zerstörte sich der europäische Kontinent durch zwei Weltkriege selbst. Die Nationen bekämpften sich gegenseitig, und Imperien gingen unter. Für Jüdinnen und Juden stellte dieses Jahrhundert jedoch einen mehrfachen Bruch dar.
Der Erste Weltkrieg war der erste. Er war insofern neuartig, als er Jüdinnen und Juden auf eine Weise in gegnerische Lager spaltete, wie sie es zuvor noch nicht erlebt hatten. Die Frontlinien, die den europäischen Raum zerrissen, hatten für sie eine seltsame Bedeutung: Sie zwangen sie dazu, ihr Engagement in Abhängigkeit von der Nationalisierung zu denken, die sie alle betraf, aber je nach dem Land, in dem sie sich befanden, unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Bedeutungen hatte. Zum ersten Mal kam es vor, dass Juden anderen Juden wie Feinden in einem Konflikt gegenüberstanden, der sie alle betraf und den sie nicht mehr als eine ihnen von außen aufgezwungene und ihrer eigenen Geschichte fremde Begebenheit betrachteten. Es war also die Bedeutung, die sie dem Dasein als nationale Juden– „französische Juden” oder „deutsche Juden”, aber auch englische, italienische, österreichische oder russische Juden, wobei immer eine Positionierung erforderlich war – beimaßen, die sich in dieser Prüfung wiederholte. Für alle, nicht nur für die Klarsichtigsten, zeichnete sich eine neue Art der selbstkritischen Reflexion und eine neue Art der Beziehung zu Europa ab. Daraus resultierte eine Krise des jüdischen Bewusstseins, die durch eine Verschärfung der widersprüchlichsten Tendenzen gekennzeichnet war. Insbesondere die revolutionären Strömungen, in denen auch der Zionismus seinen Platz gefunden hatte, bekämpften sich gegenseitig. Nie zuvor, außer in der Zwischenkriegszeit, waren die Positionen innerhalb des jüdischen Volkes so gespalten gewesen. Aus dem gleichen Grund erreichte die jüdische Frage im modernen Sinne zu diesem Zeitpunkt auch ihre schärfste Formulierung, zumindest wenn man sie als die Frage betrachtet, die sich jeder Jude zwangsläufig selbst stellt, wo auch immer ihn die Wechselfälle des Exils hinverschlagen haben.
Der Zweite Weltkrieg stellte einen weiteren, tieferen Bruch dar, dessen Auswirkungen denen des Ersten Weltkriegs entgegenstanden. Auf Spaltung und Zerfall folgte eine brutale Vereinigung. Nazideutschland führte zusammen mit einem Teil der politischen Kräfte in Europa einen Vernichtungskrieg gegen alle Jüdinnen und Juden, ohne Unterschied, wo sie sich befanden oder welchen Status sie besaßen. Nicht nur der soziale Status und die Klassenunterschiede verloren ihre Bedeutung, sondern auch die nationalen Unterschiede und damit die Bewegung selbst, durch die Jüdinnen und Juden modern und europäisch geworden waren. Die Shoah stellte alle Jüdinnen und Juden untereinander gleich, indem sie sie von allen anderen Bürgern überall dort trennte, wo Deutschland seine Herrschaft ausdehnen konnte. Sie stellte sie insofern gleich, als nun alle ohne Ausnahme dasselbe Schicksal erwartete, denn sie bildeten ein und dasselbe Volk. Auch dies war in der Moderne eine noch nie dagewesene Situation: Ein Volk trat plötzlich aus den nationalen Rahmen heraus, in die es sich eingefügt hatte, um seine transnationale Einheit als potenzielles Ziel und tatsächliches Opfer zu finden. Rückblickend war es unvermeidlich, dass die europäische Nationalisierung dadurch gelinde gesagt getrübt wurde. Was bedeutete sie für Jüdinnen und Juden anderes als ein falsches Versprechen, ein trügerischer Auftakt zu ihrer Vernichtung? Eines war sicher: Nie wieder würde die Emanzipation, die sie angeblich verwirklichen sollte, mit derselben Brillanz wahrgenommen werden können. Jedenfalls solange man sich auf Europa beschränkte.
Dann folgte die Gründung des Staates Israel, das verspätete Resultat der zionistischen Utopie, das nach Kriegsende durch das Verschwinden von zwei Dritteln der jüdischen Bevölkerung des Kontinents und der Notwendigkeit eines eigenen, vor Verfolgung schützenden Orts, beschleunigt wurde. Auch hier kam es natürlich zu einem Bruch. Aber dieser war ganz anders. Denn diesmal ergänzten sich Ungleichheit und Gleichheit, ohne sich zu widersprechen. Der Rest des Volkes, d. h. die Überlebenden, die im Grunde alle europäischen Jüdinnen und Juden umfassten, teilte sich in zwei Blöcke: die in Europa verbliebenen Jüdinnen und Juden und die Jüdinnen und Juden, die den Kontinent verließen. Für die Jüdinnen und Juden, die Europa verließen, war Israel nicht das einzige mögliche Ziel und vielleicht auch nicht das sinnvollste aus rein pragmatischer Sicht. Aber es hatte den Vorteil, dass es ein jüdisches Land war und somit die Einheit des Volkes in einer Form greifbar machte, die genau das Gegenteil der durch die Homogenisierung der Nazis erfahrenen Einheit war. Es stellte eine neue Alternative zur europäischen nationalen Lösung dar, die für Jüdinnen und Juden das Risiko ihrer vollständigen Vernichtung bedeutet hatte. Aber Israel ist nicht die Versammlung des gesamten Volkes auf einem einzigen Land, wie es der zionistische Traum der ersten Stunde vorgesehen hatte. Es ist eines der jüdischen Zentren, das sich von den anderen Zentren durch seine Offenheit für alle, durch die Sicherheit, die es allen in der Welt verstreuten und somit in ihren jeweiligen Staaten unterschiedlich eingebürgerten Jüdinnen und Juden bietet, unterscheidet. Israel und die Diaspora bilden somit die moderne Bipolarität der jüdischen Welt, unabhängig davon, ob jemand Zionist ist oder nicht. Dies ist die objektive Gestalt der Erfahrung aller Jüdinnen und Juden, die ihre Nationalitäten und ihre vielfältigen Lebensbedingungen mit ihrer neuen Gleichstellung in einem ganz besonderen Verhältnis miteinander verbindet. Alle können gleichermaßen in den jüdischen Staat ziehen, wenn sie dies wünschen und sofern sie die Notwendigkeit dazu verspüren.
Die Shoah und die Gründung des Staates Israel folgten innerhalb weniger Jahre aufeinander – zwei Ereignisse, die sowohl einzeln als auch zusammengenommen sowohl die traditionelle jüdische Geschichte als auch die Geschichte der Nichtjuden in Frage stellten. Dennoch waren sie nur die Fortsetzung zweier Tendenzen, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkt hatten. Zum einen das Aufkommen eines modernen, militanten Antisemitismus, dessen Höhepunkt schließlich der Nationalsozialismus war. Zum anderen der als Antwort im Westen Europas hervorgehenden zionistischen Lösung und dem Aufkommen eines modernisierten jüdischen Nationalbewusstseins in Osteuropa, das zwischen einer europäisch-jüdischen Lösung (gestützt auf das Recht nationaler Minderheiten) und der zionistischen Lösung schwankte. Zwischen Ost und West war schließlich eine Synthese entstanden. Die Shoah hatte die jüdische Bevölkerung in die gleiche Lage versetzt und die wesentlichen Unterschiede ausgelöscht. Der Staat Israel kehrte diese Situation um, ohne jedoch ihre Gleichheit in Frage zu stellen und ermöglichte darüber hinaus der Diaspora, sich selbst treu zu bleiben, d. h. trotz der vergangenen Geschehnisse die Emanzipationsdynamik in den modernen Nationen fortzusetzen. Und damit insbesondere in Europa.
Das Ergebnis war ein konditioneller Neuanfang, der zu Klarheit und Wachsamkeit, aber auch zu Engagement für Europa und in Europa aufrief. Der Rest der europäischen Jüdinnen und Juden konnte mit neuer Kraft und mit Hilfe neuer Bezugspunkte (von denen, ob man mag oder nicht, Israel Teil ist) beginnen, sich als Jüdinnen und Juden und als Europäerinnen und Europäer zu verstehen. Sie nahmen ihren Weg wieder auf, insbesondere in Frankreich, wo die jüdische Bevölkerung durch die Wellen der Entkolonialisierung und der folgenden Integration nordafrikanischer Jüdinnen und Juden in den 1960er Jahren wuchs und beteiligten sich am gemeinsamen Werk der Nationen, die sich im Wiederaufbau und in der Integration befanden.
Ein Blickwinkel in der Krise
Heute sind wir aufgefordert, die Lage im Lichte dieser drei aufeinanderfolgenden Zäsuren, die nach wie vor unsere Situation als europäische Jüdinnen und Juden prägen, neu zu bewerten. Denn nicht nur die Geschichte der Jüdinnen und Juden, sondern auch die Geschichte Europas hat einen kritischen Punkt erreicht, der eine Neubewertung erfordert. Seit seinen Anfängen war Europa stets ein Kontinent mit unscharfen Konturen. Im 17. Jahrhundert erlangte es im Rahmen des sogenannten Westfälischen Friedens eine Kohärenz in Form eines Gleichgewichts konkurrierender Kräfte, und diese Form blieb trotz der unaufhörlichen Konflikte, die es immer wieder erschütterten, bestehen. Aber Europa war schon seit der Renaissance noch etwas anderes, nämlich ein imaginäres Territorium und ein Ideal der Existenz. Die Moderne brachte zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert eine Verschmelzung von Imagination und Realität hervor und veränderte beide durch eine neue Synthese, die sie ihnen bot. Dies ist die Bedeutung, die die Nationalstaaten Europas angenommen haben: politische Einheiten, die sich als Teil derselben zivilisatorischen Bewegung der kulturellen Integration und der sozialen und politischen Demokratisierung verstehen. Zahlreiche Rückschläge, Irrwege und Misserfolge prägten diese Bewegung. Nationalismus, Allianzen und Gegenallianzen, koloniale Expansion und Machtpolitik führten schließlich zur Katastrophe, doch weder das gemeinsame Ideal noch die Bemühungen um Annäherung gingen verloren. Europa als Wiege der Moderne ist trotz aller Widrigkeiten und Widerlegungen nach wie vor eine lebendige Idee. Es zeichnet ein erreichbares Ziel, eine bestimmte Vorstellung von Menschlichkeit, die friedliches Zusammenleben, die Entfaltung menschlicher Kreativität, rationales Denken, allgemeinen Wohlstand, Befreiung von jeglicher Unterwerfung und Achtung der Menschenrechte miteinander verbindet. Indem Europa zu einer politischen Union neuen Typs wurde, das als Anziehungspunkt für diejenigen Staaten fungiert, die sich mit seinem Projekt identifizieren und als übergeordnete gesetzgebende Gewalt, die sich ihnen aufdrängt, trat es in eine neue Ära ein, aus der sich so etwas wie Beständigkeit zu ergeben schien.
Seit den 90er Jahren ist jedoch das Gegenteil der Fall. Während die Konstitutionalisierung voranschreitet, lässt die Anziehungskraft nach. Zurückhaltung verwandelt sich in Ablehnung, Kritik verschärft sich bis hin zur Zurückweisung und führt in einigen Fällen sogar zur Abspaltung. Die Krise, die wir heute erleben, ist – wie alle übereinstimmend feststellen – tiefgreifend. Denn ihre Auswirkungen erstrecken sich auf die grundlegenden Vorstellungen, von denen wir uns immer wieder nährten und mit deren Hilfe wir glaubten, die Fehler der Vergangenheit überwunden zu haben.
In dieser instabilen und fragilen Situation tritt das „Wir“ der europäischen Jüdinnen und Juden als Gemeinschaft hervor, die durch eine gemeinsame Sichtweise auf das, was sich vor unseren Augen abspielt, vereint ist. 1939 gab es zehn Millionen Jüdinnen und Juden, 1945 waren es weniger als vier Millionen, woraufhin unmittelbar ein weiterer Rückgang aufgrund der Auswanderungen in der Nachkriegszeit folgte. Seitdem ist ihre Zahl kontinuierlich zurückgegangen, mit Ausnahme einiger Phasen der Wiederbevölkerung, die je nach Land mehr oder weniger ausgeprägt waren. Der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 führte zu einem weiteren plötzlichen Rückgang, und seit Beginn der 2000er Jahre ist Westeuropa ununterbrochen von einer regelmäßigen Abwanderung in geringerem Umfang geprägt. Letztendlich handelt es sich um eine zahlenmäßig kleine Gruppe von etwa eineinhalb Millionen Menschen, die jedoch aufgrund ihrer historischen Verankerung und ihrer internen Vielfalt aus den gesammelten Erfahrungen ganz Europas hervorgegangen ist. Als Jüdinnen und Juden und als Europäerinnen und Europäer ist ihr diffuses Selbstverständnis untrennbar mit ihrer Vorstellung von Europa verbunden. Im Osten (mit Ausnahme Ungarns) und auf dem Balkan sind sie nur noch wenige, in Frankreich und einem sich mittlerweile vom Kontinent entfernenden Großbritannien sind sie noch zahlreich, in Italien halten sie sich hartnäckig, in Deutschland und Österreich gibt es unerwartete Zuwächse, in Skandinavien sind sie dabei, vollständig zu verschwinden: Jüdinnen und Juden sind wie Seismografen. Gestern wie heute erfassen und analysieren sie die Erschütterungen Europas und versuchen, Erdbeben zu verhindern, von denen sie aus Erfahrung wissen, dass sie vor allen anderen Europäerinnen und Europäern darunter leiden werden.
Daher verspüren sie besonders stark die Notwendigkeit, eine allgemeine Zeitdiagnose zu formulieren, um sich in eine Zukunft zu projizieren, die in diesem Teil der Welt für alle, ob Juden oder Nichtjuden, ungewiss bleibt. Untergraben durch die Enttäuschung, die die Abwanderungen widerspiegeln, sind Jüdinnen und Juden wie der Brennpunkt einer Krise, die sie allein deshalb betrifft, weil es sich um die Krise Europas selbst handelt. Dies geschieht jedoch nicht, ohne dass die Vergangenheit wieder auftaucht. In der Krise wiederholt sich die Verflechtung des Schicksals der Jüdinnen und Juden mit dem Schicksal Europas. Unweigerlich kommt die Erinnerung an die Shoah wieder zum Vorschein und projiziert sich in die Gegenwart. Diese Erinnerung, die tief im historischen Bewusstsein verankert ist und von allen als Trauma erlebt wird, hat heute paradoxe Auswirkungen. Sie scheint sich gegen Jüdinnen und Juden selbst zu wenden, da die Exzeptionalität der Shoah als Quelle vermeintlicher Privilegien erscheint. Als Privileg erscheint nun auch die Existenz des Staates Israel, der von einer desorientierten Kritik seines Rangs als Verteidiger und Zufluchtsort für verfolgte Jüdinnen und Juden entblößt wurde. Der Staat Israel bleibt somit, unabhängig davon, wie man seine Politik beurteilt, unausweichlich im Einflussbereich Europas. Aus Europa herausgetragen, bleibt er der Punkt, an dem Europa sich selbst betrachtet.
Bleiben
Das 21. Jahrhundert begann mit einer doppelten Krise: Europa droht auseinanderzufallen, und die jüdische Präsenz auf dem Kontinent läuft Gefahr, zu enden – eine Möglichkeit, über die hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird und die die Öffentlichkeit nur schwer ohne ein gewisses Unbehagen zur Kenntnis nehmen kann. Das sind die seltsamen Zeiten, in denen wir leben. Gefangen zwischen der Unmöglichkeit, ohne die Grundlagen der Demokratie zu gefährden, voranzukommen und der Unmöglichkeit, sich in überholte Formen der nationalen Zugehörigkeit zurückzuziehen, befindet sich Europa in einer Sackgasse. Für Jüdinnen und Juden erscheinen beide Richtungen sofort als unpraktikabel. Mit ihrer Krise schließen sie sich dem Höhepunkt der Krise Europas an. Deshalb sind die Diagnosen, die oft in nationalen, abgeschotteten Rahmen gestellt werden, eindeutig nicht mehr zeitgemäß. Der Blick muss unmittelbar auf die europäische Ebene gerichtet werden, da die nationalen und lokalen Konstellationen durch die Gesamtperspektive, in der sich der jüdische Standpunkt spontan verankert, überdeterminiert sind.
Ist es nicht die Logik des Exils selbst, die sich hier erneut in einem modernen Kontext ausdrückt? Jüdinnen und Juden haben ihr Exil auf eine ganz besondere, in ihrer eigenen Geschichte beispiellosen Weise abgelehnt, indem sie sich zu Europa bekannten. Indem sie an Europa festhalten, halten sie an sich selbst fest. Vielleicht unterscheiden sie sich gerade darin von allen anderen Gemeinschaften, die heute zu Europa gehören.
Seit dem allerersten Exil hatte die Tradition den Jüdinnen und Juden zugeschrieben, sich als Überbleibsel zu betrachten. Dabei ist ein Überbleibsel kein Rückstand, sondern vielmehr der Keim für ein neu aufgebautes Leben, das Element, so gering es auch sein mag, dass das Fortbestehen, das Durchhalten und sich Erhalten mit einer eigenen Notwendigkeit verbindet und zu einer Quelle der Bedeutung wird. Im Laufe der langen Geschichte der jüdischen Gemeinden in Europa hat dieser Sinn eine Vielzahl von Bedeutungen angenommen. Die Ansammlung der europäischen Erfahrungen der Jüdinnen und Juden macht sie, um ein Bild von Israël Zangwill aufzunehmen, zu Mietern eines Palastes, dessen Räume sie alle erkundet haben. Man muss ihnen daher eine Eigenschaft zugestehen: Sie sind in der Lage, dessen Vorzüge und Tücken zu erkennen und dieses Wissen überall dort zu verbreiten, wo sie können.
Die Überschneidung des Titels dieses Manifests mit Max Horkheimers Aufsatz „Die Juden und Europa“ aus dem Jahr 1939 ist der Übersetzung aus dem Französischen geschuldet (Anm. d. Übers.).